OKC-Logo in Wilcom 2025 digitalisieren: Nachzeichnen, Stichwinkel, Sequenz & Einstellungen (mit Push-Pull, das Lücken wirklich verhindert)

· EmbroideryHoop
Diese praxisnahe Wilcom-2025-Anleitung baut ein OKC-ähnliches Shield-Logo vom Artwork bis zur sauberen Stichsimulation auf – konsequent entlang der vier Säulen: Nachzeichnen, Stichwinkel, Reihenfolge (Sequenz) und Einstellungen. Du lernst, warum eine manuell gesetzte globale Unterlage (Global Underlay) Kleidungsstücke stabilisiert (besonders Kappen), wie du Grundflächen bewusst „unter“ spätere Elemente überlappen lässt, wann du bei der Zugkompensation bewusst übertreibst (bis 0,70 mm), um Randlücken zu vermeiden, wie du schwierige Satin-Flüsse mit dem Automatic Knife sauber aufteilst und wie du mit Offsets und einem finalen Simulations-Check abschließt. Zusätzlich bekommst du produktionsnahe Checkpoints, typische Fehlerbilder mit schnellen Fixes sowie eine klare Entscheidungslogik für Vlies und Einspannen, wenn du vom Bildschirm zum Probestick gehst.
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Inhaltsverzeichnis

Die Ingenieursarbeit hinter einem Logo: Digitizing-Logik, die in der Produktion funktioniert

Digitalisieren ist nicht einfach „mit Faden zeichnen“. In der Maschinenstickerei ist es eher Soft-Engineering: Du konstruierst eine Struktur, die die mechanische Belastung übersteht, wenn die Nadel das Material hunderte Male pro Minute durchsticht.

Wenn ein Design am Bildschirm perfekt aussieht, aber beim Sticken Lücken, Wellen/Puckern oder eine „kugelsichere“ Steifigkeit produziert, hast du den Klassiker erlebt: Digitale Theorie vs. physische Realität.

Diese Anleitung übersetzt einen typischen Wilcom-2025-Workflow (am Beispiel des OKC-Shield-Logos) in ein produktionsfähiges Vorgehen. Es geht nicht ums „Tool-Klicken“, sondern um die vier Säulen professioneller Stickdateien: Nachzeichnen (Tracing), Stichwinkel (Angles), Reihenfolge (Sequence) und Einstellungen (Settings).


Grundlagen: Die „Erfahrungswissenschaft“ der Stickerei

Bevor wir die Software anfassen, eine zentrale Wahrheit: Stickerei ist das Zusammenspiel aus Zug, Widerstand und Verdrängung.

  • Zug (Pull): Der Faden zieht das Material nach innen.
  • Widerstand: Stoff + Stickvlies halten dagegen.
  • Verdrängung (Push): Stiche drücken Material nach außen.

Der Workflow unten funktioniert, weil er diese Kräfte vorher einplant. Wir bauen nicht nur ein Logo – wir bauen ein System, das Faserbewegung kontrolliert.


Teil 1: Physische Vorbereitung & strategische Entscheidungen

„Der Kampf wird gewonnen oder verloren, bevor der erste Stich digitalisiert ist.“

Deine Software-Einstellungen wirken wie ein Verstärker deiner physischen Vorbereitung. Wenn du schlampig einspannst, rettet dich keine Zugkompensation.

Das „unsichtbare Verbrauchsmaterial“-Set

Einsteiger kaufen Garn und Vlies. Profis kaufen zusätzlich „Versicherung“. Halte diese Dinge bereit:

  • Temporärer Sprühkleber (z. B. KK100): Hilft beim „Floating“ und hält Stickvlies am Material, damit sich nichts verschiebt.
  • 75/11 Jersey-/Kugelspitznadel (für Maschenware) oder Sharp (für Kappen): Eine stumpfe Nadel drückt Material weg und verschlechtert die Passung.
  • Messschieber oder Lineal: Miss die reale verfügbare Fläche (z. B. linke Brust), damit du nicht zu groß digitalisierst.

Entscheidungslogik: Stabilisierung nach Physik (nicht nach Gefühl)

Nutze diese Logik für dein Fundament.

1. Was ist der Untergrund (Substrat)?

  • Stabil (Twill, Denim, Canvas-Kappen):
    • Risiko: niedrig.
    • Aktion: Reißvlies (ca. 2,5 oz).
  • Instabil (Piqué-Poloshirt, T-Shirt, Beanie):
    • Risiko: hoch (Dehnung, Einsinken).
    • Aktion: Schneidvlies (Cutaway) – als dauerhafte Stütze.

2. Was scheint durch?

  • Hoher Kontrast (schwarzes Garn auf weißem Shirt):
    • Risiko: „Schatten“/Durchscheinen.
    • Aktion: stärkeres Vlies oder zusätzliche Unterlage in der Datei.

3. Wie wird eingespannt?

  • Standard-Stickrahmen:
    • Reibungspunkt: Rahmenspuren/Rahmenabdrücke oder hoher Kraftaufwand bei dicken Materialien.
    • Lösung Level 1: Stoff „floaten“ (z. B. mit klebendem Vlies).
    • Lösung Level 2 (Tool-Upgrade): Hier suchen viele Profis nach Magnetrahmen, um dicke Materialien zu klemmen, ohne die Ringe „zusammenzuzwingen“ – und um Rahmenspuren zu reduzieren.

Warnhinweis: Magnet-Sicherheit
Magnetische Stickrahmen haben hohe Klemmkraft. Finger aus der Schnappzone (Quetschgefahr) und Abstand zu Herzschrittmachern bzw. empfindlicher Elektronik.

Pre-Flight-Checkliste

  • Nadelcheck: Mit dem Fingernagel über die Spitze – bleibt er hängen, Nadel entsorgen (Grat = Fadenrisse).
  • Unterfadenspannung: „Drop Test“ am Spulenkapsel-Faden: hält das Gewicht, rutscht aber bei kurzem Ruck ein paar Zentimeter.
  • Material bestätigt: Eine Datei für Polos ist nicht automatisch kappen-tauglich.

Teil 2: Canvas-Setup – reibungsfrei arbeiten

Präzises Digitalisieren braucht eine stabile „Werkbank“. In Wilcom bestimmt dein Canvas-Setup, wie sauber du klicken kannst.

Schritt 1 — Digitalen Arbeitsplatz stabilisieren

  1. Import & Größe: Artwork laden. Zielgröße: 3,75" Breite (ca. 95 mm). Das ist eine praxistaugliche Größe für linke Brust – gut lesbar, aber noch taschentauglich.
  2. Sperren: K drücken, um das Bild zu sperren. Wenn du das Hintergrundbild versehentlich verschiebst, ist die Ausrichtung weg.
  3. Kontrast: Hintergrundbild abdunkeln, damit Vektoren/Stichobjekte klar erkennbar sind.
  4. Raster: Grid mit Shift+G einblenden – als objektive Ausrichtungshilfe.
Full screen view of the OKC Thunder logo artwork loaded into Wilcom 2025 software canvas.
Introduction

Schnelltest:

  • Visuell: Das Artwork wirkt „geghostet“/transparent.
  • Mausgefühl: Klicken/ziehen am Bild bewirkt nichts – es ist fixiert.

Teil 3: Global Underlay (das Fundament)

Viele Anfänger lassen das weg und verlassen sich auf die automatische Unterlage pro Objekt. Gerade bei Kappen und dehnbaren Polos ist das ein häufiger Grund für Passungsprobleme.

Bei Spannung im Material (Kappe, Piqué) kann sich der Stoff beim ersten Einstich minimal lösen/verschieben. Ein Global Underlay ist ein manuell gesetzter, lockerer Laufstich, der Stoff und Stickvlies vor den „schönen“ Stichen miteinander „verklammert“.

Schritt 2 — Die „Bewehrung“ unter dem Design

  1. Run Stitch/Laufstich auswählen.
  2. Manuell ein großes Zickzack-Muster klicken, das die komplette Fläche des Shield-Logos abdeckt.
  3. Nicht konturgenau arbeiten – das ist strukturell, nicht optisch. Es verschwindet unter den Füllungen.
A green zigzag running stitch is being applied across the entire logo area as a global underlay.
Digitizing Underlay

Praxis-Hinweis (aus der Serie/Kommentare): Der Zweck des Global Underlay ist, die Objekte „in Position“ zu halten und Verschieben zu reduzieren – besonders auf Kappen.

Produktionskontext: Wenn du 50 Kappen stickst, kostet jede kleine Passungsabweichung Zeit und Ausschuss. Global Underlay + ein stabiler Kappenrahmen (z. B. Kappenrahmen für brother Stickmaschine oder ein generischer Cap Driver) erhöhen die Wiederholgenauigkeit.


Teil 4: Ebene 1 – Füllflächen als tragende Struktur

Wir bauen von hinten nach vorn. In diesem Logo ist das zuerst die orange Basketball-Fläche.

Schritt 3 — Nachzeichnen & Stichwinkel-Physik

  1. Nachzeichnen: Complex Fill (Tatami) nutzen. Die Kante nicht „perfekt“ treffen – bewusst unter die späteren OKC-Buchstaben überlappen.
  2. Stichwinkel: Basis auf 90° setzen.
    • Warum? Der Winkel beeinflusst, in welche Richtung sich das Material durch Zug verzieht.
  3. Variation: Für den zweiten orangefarbenen Bereich den Winkel auf 135° ändern.
    • Optik: Unterschiedliche Winkel brechen das Licht anders – mehr Tiefe ohne Farbwechsel.
The digitizer is tracing the orange basketball segments at the bottom of the shield.
Tracing Object
The Object Properties panel is open, showing the selection of 'Tatami' stitch type and 0.25mm Pull Comp.
Adjusting Settings

Schritt 4 — Die Kunst der „Überkompensation“

Jetzt kommt die weiße Hintergrundfläche hinter den Buchstaben – hier entscheidet sich, ob du später Randlücken bekommst.

Stickerei „schrumpft“ optisch: Flächen ziehen sich zusammen. Wenn Hintergrund und Rand exakt gleich breit digitalisiert sind, entstehen beim Sticken schnell seitliche Spalten.

  1. Objekt: Große weiße Hintergrundfläche hinter den Buchstaben anlegen.
  2. Zugkompensation (Pull Comp): bewusst aggressiv auf 0,70 mm setzen.
    • Wichtig: 0,70 mm wirkt am Bildschirm übertrieben – genau das ist gewollt, weil diese Fläche unter Rand und Akzenten liegt und „unterfüttern“ soll.
Digitizer is creating the large white background shape behind the 'OKC' letters.
Digitizing Background
Visual demonstration of extreme pull compensation; the stitch simulation extends significantly beyond the vector outline.
Setting Pull Compensation

Checkpoint:

  • Visuell: In der Simulation muss die Fläche klar außerhalb der Vektorlinie „aufblähen“. Wenn sie exakt auf der Linie liegt, ist die Reserve zu klein.

Teil 5: Sequenz & Ränder – Logik statt Chaos

Stickerei ist ein Pfad. Jeder Trimm kostet Zeit und erhöht das Risiko für Fadennester.

Schritt 5 — Produktionsgerechte Sequenz

  1. Color-Object List öffnen.
  2. Reihenfolge: Global Underlay = #1, Hintergründe = #2, Text = #3, Ränder = #4.
  3. Farblogik: Orange zusammen, dann Weiß, dann Blau – Farbwechsel minimieren.
The cursor is dragging specific color blocks in the right-side 'Color-Object List' to re-sequence the design.
Sequencing

Praxis-Plus: Wenn du viele Trimms siehst, nutze Funktionen wie „Apply Closest Joint“ (wie im Workflow gezeigt) und ordne Objekte in der Liste so, dass Wege logisch zusammenlaufen.

Schritt 6 — Satin-Ränder und Akzentstreifen

  1. Erstellen: Satin/Column-Input (z. B. Column C) für gelbe und blaue Ränder.
  2. Kompensation: Pull Comp auf 0,35 mm setzen.
    • Logik: Satin verhält sich wie ein Gummiband – ohne Breitenreserve wird eine schmale Satinsäule schnell „fädig“ und wirkt zu dünn.
Tracing the yellow satin border curve on the left side of the shield.
Digitizing Border

Teil 6: Fortgeschrittene Texttechnik (Automatic Knife)

Enge Kurven und kleine Innenradien führen zu „Satin-Bunching“: Stiche stapeln sich in der Ecke, werden hart und können Probleme verursachen.

Schritt 7 — Sauberer Satin-Fluss beim „O“

  1. Analyse: Beim „O“ erzeugt ein durchgehender Satin/Turning-Fill oft ungünstige Richtungswechsel.
  2. Tool: „O“ auswählen und Automatic Knife nutzen.
  3. Schnitt: Diagonal teilen.
  4. Ergebnis: Zwei sauberere Segmente, die sich besser ausrichten lassen – der Stichfluss wird ruhiger.
Digitizing the large blue letters, setting manual stitch angles to define the flow of the text.
Digitizing Text
The 'Automatic Knife' tool creates a diagonal slice through the letter 'O' to split the satin object.
Using Tools

Teil 7: Finish – Textur, Offsets, Simulation

Schritt 8 — Textur gezielt steuern

Für die weiße Schrift soll es glatt und sauber wirken.

  • Aktion: Stichlänge auf 6,00 mm erhöhen.
  • Effekt: Längere Stiche wirken oft ruhiger/„glatter“ in der Optik und verändern die Lichtreflexion.
The settings panel shows the Stitch Length being increased to 6.00mm for the white text fill.
Modifying Parameters

Schritt 9 — Sauberer Außenrand per Offset

Den finalen Rand nicht „frei Hand“ nachzeichnen – nutze Geometrie.

  1. Hauptkontur des Shields auswählen.
  2. Offset: -0,20 mm (nach innen).
  3. Break Apart: Überlappungen/unsaubere Stellen manuell bereinigen.
  4. Einstellung: Satin mit 0,27 mm Pull Comp.
Applying an offset to generate the thin blue outer border of the shield.
generating Offset
Manually editing vector points on the blue border to fix an overlap issue.
Editing Vectors

Schritt 10 — TrueView/Simulation als Pflicht-Check

Nicht überspringen: Simulation abspielen.

  • Prüfen: Hintergründe werden fertig, bevor Vordergründe starten.
  • Prüfen: Wege sind logisch (keine unnötigen Sprünge quer durchs Motiv).
The TrueView simulation runs, showing the completed design stitched out in order.
Final Review

Betriebs-Checkliste: Go/No-Go vor dem Export

Vor dem Export (.DST, .PES, .JEF) diese Punkte abhaken:

  • Unterlage: Global Underlay ist wirklich das erste Objekt.
  • Unterfütterung: Weißer Hintergrund steht sichtbar über (0,70 mm).
  • Satin-Breite: Ränder/Spalten haben ausreichend Kompensation (ca. 0,25–0,35 mm).
  • Pfad/Trimms: Trimm-Anzahl ist sinnvoll reduziert.
  • Risiko-Stiche: Extrem kurze Stiche (unter ca. 0,3 mm) vermeiden, weil sie Fadenrisse begünstigen.

Troubleshooting: Diagnose → Ursache → Fix

Symptom Das „Warum“ (Physik) Quick Fix Level 1 (Einstellung) Quick Fix Level 2 (Physisch)
Lücken zwischen Rand & Füllung Füllung zieht sich nach innen weg. Pull Comp der Füllung erhöhen (z. B. 0,50 mm+). Schneidvlies nutzen (stabilisiert dauerhaft).
Rahmenspuren/Rahmenabdrücke Druck/Reibung quetscht Fasern. Nicht per Setting lösbar. Auf Magnetrahmen für Stickmaschine wechseln (flächiges Klemmen, weniger Reibung).
Satin wirkt „ausgefranst“/jagged Stiche sinken in Flor/Struktur ein. Edge-Run-Unterlage für Satin ergänzen. Wasserlösliche Folie (Topping) oben auflegen.
Motiv sitzt schief Einspannfehler. Am Bildschirm drehen (zeitintensiv). Einspannstation für Stickmaschine für reproduzierbare Ausrichtung nutzen.
Fadennester unten Oberfadenweg ohne Spannung/Blockade. Neu einfädeln (Nähfuß oben). Spulenkapsel reinigen; Nadel wechseln.

Upgrade-Pfad: Vom Hobby zur Produktion

Wenn das Digitalisieren sitzt, wandert der Engpass von „Datei bauen“ zu „sauber und schnell produzieren“.

  1. Operator-Engpass: Wenn Ausrichtung schwankt oder Einspannen körperlich belastet, helfen Tools wie Einspannstation, um Platzierung zu standardisieren.
  2. Material-Engpass: Wenn empfindliche Stoffe trotz guter Datei puckern, ist oft die Einspannmethode zu verzerrend. Magnetische Einspannstation-Systeme erlauben eher „floaten und klemmen“ mit weniger Verzug.
  3. Volumen-Engpass: Wenn Sequenz und Datei sauber laufen, bleibt als Hebel nur Output. Mehrnadelstickmaschinen reduzieren Farbwechsel-Zeit und halten Tempo in der Serie.

Zum Schluss: Digitalisieren ist Ingenieursarbeit. Respektiere Material, plane Zug/Push ein – und deine Maschine belohnt dich mit sauberer Passung.